Freie Fahrt für Freigeld

Vor rund 120 Jahren hat der Kaufmann Silvio Gesell prinzipielle Fehler im Wesen des Geldes erkannt, Lösungen erarbeitet und publiziert. Seine Idee vom „Freigeld“ wird aber von der herrschenden Wirtschaftswissenschaft und von der Politik nach wie vor geflissentlich ignoriert.

Der Autor

Manuel Heckel, Jahrgang 1984, Abitur 2003. Politisch interessiert und seit dem Irak-Krieg in der örtlichen Friedensbewegung engagiert. Die hier zugrunde liegende Facharbeit aus der Kollegstufe wurde mit der Bestnote (15 von 15 Punkten) bewertet.

Das Problem des Geldumlaufs

Wenn eine Volkswirtschaft die Wünsche aller Menschen befriedigen soll, braucht sie ein kontinuierlich umlaufendes Geld, weil es nur so allen Wirtschaftsteilnehmern dienen kann. Kommt es dagegen zu Störungen im Geldkreislauf, fallen zahlreiche Zahlungs- und Tausch-aktionen aus und es kommt zu Nachfrageausfällen. Trotz hohen Bedarfs kommt die Nachfrage plötzlich nicht mehr zum Angebot: „Die Wirtschaft stagniert, weil der Bedarf nicht zum Angebot und weil das Angebot nicht zum Bedarf kommt. Der Austausch stockt. Hier stoppt der Strom der volkswirtschaftlichen Zirkulation.“ (Dieter Suhr) Wenn Geld also als universelles Tauschmittel dienen und den Austausch der Waren ermöglichen soll, muss es allen zur Verfügung stehen und stetig umlaufen.

An dieser Stelle aber kommt es in unserem heutigen Geldsystem, in dem der Zins für den Umlauf sorgen soll, zu Problemen. Tatsache ist, dass heute jeder Geldscheinempfänger mit den Banknoten tun und lassen kann, was er will. Vor allem aber kann jeder, ohne Folgen befürchten zu müssen, den Geldschein beliebig lange aus dem Verkehr ziehen, obwohl er damit andere an der Nutzung dieser öffentlichen Einrichtung hindert. Dementsprechend muss der Zins natürlich genügend hoch gehalten werden, um genug Anreiz zu bieten, Geld weiter zu verleihen. Die Geldzurückhalter kommen also nicht nur ungeschoren davon, sondern erzwingen auch noch eine Belohnung dafür, dass sie das Geld wieder in den Kreislauf zurückführen. Vergleichbar wäre das mit einem Autofahrer, der mitten auf der Fahrbahn parkt und wartet, bis ihm ein Polizist Geld dafür bietet, dass er weiterfährt.

Gehortetes Geld hindert also andere an dessen Nutzung und führt dazu, dass der Markt nicht vollständig geräumt werden kann.

Geldmenge und Geldmengensteuerung

„Die genaue Definition der Geldmenge ist ebenso eine Frage des Geschmacks wie der wissenschaftlichen Notwendigkeit. Aber auch heute noch sind sich die Notenbanken nicht einig, welche Geldmenge es zu steuern gilt: Da Geld nicht eindeutig und einheitlich definiert ist, gibt es analog dazu auch verschiedene Abgrenzungen für die Geldmenge.“ (Deutsche Bundesbank 1/92)

Nicht nur die Steuerung einer „falschen“ Geldmenge erschwert jedoch eine Preisstabilität, sondern auch der unzureichend gesicherte Umlauf des von den Notenbanken ausgegebenen Geldes. Denn ohne einen stetigen Umlauf des Geldes kann auch bei einer klaren Trennung von Nachfragepotenzial und Kreditpotenzial nicht sichergestellt werden, dass das gesteuerte Nachfragepotenzial tatsächlich in die Nachfrage fließt und nicht in spekulative Kassen oder Hortungen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb am 4.12.1993 dazu: „Ihr Ziel, die Sicherung des Geldwertes, kann die Deutsche Bundesbank nur auf Umwegen angehen: Mit dem Zins steuert sie die Geldmenge und erwartet dann, dass sich aus dem verfügbaren Geld ein Kaufverhalten ergibt, das seinerseits zu einer Nachfrage nach Gütern wird, die wiederum sich im Gleichklang mit den realen Angebotsmöglichkeiten der Volkswirtschaft entwickelt.“ Auf diese Weise Preisstabilität zu erreichen verkommt somit trotz noch so moderner und komplizierter Verfahren immer mehr zum Glücksspiel und bleibt somit langfristig unbefriedigend. Die Folge ist ein instabiles Geld, das – gerade bei einer Deflation – sehr schnell fatale Auswirkungen zeigen kann.

Hilflosigkeit gegenüber Inflation und Deflation

Inflation wird als länger anhaltender Anstieg des allgemeinen Preisniveaus oder als länger anhaltende Geldentwertung definiert. Beide Definitionen sind identisch, weil der Wert einer Geldeinheit durch den Kehrwert des allgemeinen Preisniveaus gemessen wird. Die Folgen einer Inflation sind so schwerwiegend und irritierend, wie es wohl eine ständige Änderung der Länge eines Meters wäre. Dann nämlich entsprechen auch die Preise von gestern nicht den Kosten von heute, die empfangenen Löhne nicht den vor einigen Wochen erbrachten Arbeitsleistungen und die Kaufkraft der Tilgungen nicht jener der ausgeliehenen Ersparnisse. Und letzten Endes stellt Inflation eine Art von Betrug dar. Ähnlich einem Veranstalter, der mehr Eintrittskarten verkauft, als Plätze vorhanden sind, halten die Notenbanken die Geldmenge nicht in Einklang mit dem Angebot. Das heißt: Grundsätzlich ist eine Inflation, wie auch immer sie entstehen mag, durch
eine richtige Anpassung der Geldmenge seitens der Notenbanken vermeidbar. Doch noch so viele Mahnungen konnten die Notenbanken nicht dazu bringen, ein stabiles Geld zu schaffen. Schlimmer noch: Statt die Grundprobleme zu überwinden, wird bewusst eine Inflation herbeigeführt, um der eigendynamischen Deflation zu entgehen.

Deflation ist das Gegenteil der Inflation und bedeutet Mangel an Geld, wobei es zu Nachfrageausfällen kommt und die Produzenten gezwungen sind, ihre Preise zu senken. Die Verbraucher, erfreut über die sinkenden Preise, warten dann auf noch weiter sinkende Preise. Dadurch kommt es zu immer größeren Nachfrageausfällen und immer weiteren Preissenkungen. Im Gegensatz zur Inflation nährt sich eine Deflation folglich selbst.

Extremvermögen durch Zins und Zinseszins

Durch den Zins und vor allem durch den Zinseszins kommt es zu einem lawinenartigen Überwachstum der Geldvermögen, das nach den mathematischen Gesetzen des exponentiellen Wachstums abläuft. Vermögen verdoppeln sich jeweils in gleichen Zeiträumen (zum Beispiel bei 5% alle 14,2 Jahre). Während sich eine Verdoppelung der Vermögen anfangs jedoch kaum bemerkbar macht, führt sie gerade in älteren Volkswirtschaften zu einem gewaltigen Überwachstum. In Deutschland sind die Geldvermögen der privaten Haushalte von 1950 bis 1998 auf das 227fache gestiegen, die der Unternehmen auf das 159fache und die der öffentlichen Haushalte auf das 42fache. Insgesamt sind die Geldvermögen in diesem Zeitraum folglich auf das 158fache von 1950 angewachsen, das BSP im Vergleich dazu auf gerade mal das 36fache.

Mag diese Entwicklung schon sehr überraschend sein, ist die Verteilung dieser Vermögen geradezu erschreckend. 8% aller Haushalte haben mehr Schulden als Vermögen, 5% haben weder Schulden noch Vermögen, und erst die restlichen 87% haben ein positives Nettogeldvermögen. Diese asymmetrische Verteilung wird noch deutlicher, wenn man sich die jeweiligen Höhen der Vermögen anschaut: Teilt man einmal die Haushalte in zwei Hälften und rechnet bei jeder Hälfte die jeweiligen Nettogeldvermögen zusammen, dann hatte nach dieser Erhebung die ärmere Hälfte gerade vier (!) Prozent des gesamten Geldvermögens in der Hand, die andere Hälfte den „Rest“ von 96 Prozent! Dabei konzentriert sich allerdings das Gros der gesamten Vermögen in dieser reicheren Hälfte nochmals bei den letzten zehn Prozent der Haushalte.

Der Zins als Hochtreiber von Guthaben und Schulden

Ein Guthaben ist nur möglich, wenn auch ein Schuldner da ist. Wachsende Geldguthaben auf der einen Seite bedingen also entsprechend große Schuldenberge auf der anderen Seite. Zins und Zinseszins bewirken, dass sich Guthaben und Schulden immer schneller gegenseitig hochschaukeln. Die Folge sind wachsende soziale Spannungen. Die heutigen Volkswirtschaften befinden sich also in einem mehrfachen Dilemma:

  • Schleusen sie die sich ansammelnden Geldvermögen nicht in die Wirtschaft zurück, droht eine Rezession oder Depression.
  • Führen sie die Geldvermögensausweitungen jedoch über Kredite in den Kreislauf zurück, droht eine Überschuldung mit zunehmenden sozialen Spannungen.
  • Versuchen sie diesen sozialen Spannungsgefahren durch ständiges Wirtschaftswachstum aus dem Weg zu gehen, beschleunigen sie den ökologischen Zusammenbruch.

Zu der Überentwicklung bei Vermögen und Schulden gesellen sich völlig logisch überproportional anwachsende Zinsströme. Staat, Bund, Länder und Gemeinden hatten Ende 2001 eine Gesamtverschuldung von 1.223 Milliarden Euro. Daraus ergeben sich bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 5,5 Prozent 66,6 Milliarden Euro an Zinslasten pro Jahr. Umgerechnet sind das 182,5 Millionen Euro pro Tag, 7,6 Millionen Euro pro Stunde und 2.100 Euro pro Sekunde.

Die Umverteilung durch den Zins

Die Wurzel allen gesellschaftlichen Übels ist, dass wenige zu viel und viele zu wenig Geld haben. Die Vermögen auf der einen Seite und die Schulden auf der anderen Seite wachsen zudem ständig weiter. Durch diese Ungleichgewichte ist die ganze Wirtschaft in Gefahr, denn es entstehen immer mehr und größere Vermögen ohne Nachfrage, denen ein wachsender „Bedarf mit leeren Kassen“, also sinkender Nachfrage, gegenübersteht. Nachfrage als „Motor der Wirtschaft“ entsteht ja nur, wenn die nachfragenden Konsumenten auch Geld haben. Verantwortlich dafür, dass sie immer weniger Geld haben, sind immer ungünstigere Verteilungsmechanismen. Denn die Kaufkraft, die einer ständig wachsenden Zahl von Hauhalten fehlt, ist in anderen Kassen ja durchaus vorhanden. Dieser „Verteilungsfehler“ ist in unserem Geldsystem begründet, genauer: im Zins. Der Zins schaufelt immer mehr Geld zu jenen, die Adam Smith als „Müßiggänger“ bezeichnet hat. Teilt man die Haushalte in zehn Einkommensgruppen auf, überwiegen bei den ersten acht Gruppen die Zinsbelastungen, die neunte Gruppe hat ein leichtes Plus und erst in der zehnten Gruppe übertreffen die Zinserträge die Zinsbelastungen beträchtlich.

Der Zwang zum Wachstum ohne Ende

Das viel beschworene „Wirtschaftswachstum“ wird direkt durch das heutige Geldsystem erzwungen. Wer einen verzinsten Kredit aufgenommen hat, muss mehr zurückzahlen, als er erhalten hat. Um dieses Mehr – den laufend zu zahlenden Zinsbetrag – wird sein Einkommen bis zur Tilgung des Kredits reduziert. Will er das vermeiden, dann muss er in Höhe dieses Zinsbetrags mehr leisten und diese Mehrleistung zusätzlich auf dem Markt absetzen. Das gilt nicht nur für die einzelnen Kredit aufnehmenden Bürger, sondern genauso für jedes Unternehmen, jede Gemeinde und jeden Staat: Entweder führt der Zins zur Verarmung der Wert Schaffenden, oder er zwingt zur höheren Leis-tung. Klaus Popp schreibt dazu: „Da unsere Wirtschaft zu über 80% mit Fremdkapital arbeitet und die Überschuldung permanent mit den Geldvermögen wächst, muss die Wirtschaft stetig wachsen, damit sie die anwachsende Kapitalbelastung aufbringen kann.“ In einem Papier des Arbeitskreises Geld und Finanzen des BUND Baden-Württemberg heißt es analog dazu: „Die starre Rentabilitätspflicht, in deren Folge sich die Geldvermögen stur mechanisch immerfort vermehren, überträgt sich also auf die Wirtschaft insgesamt und erlegt ihr ein andauerndes Wachstum auf. Es ist ein unentrinnbarer Zwang.“

Um diese Sättigungserscheinungen abzufangen, ging man von der Bedarfsdeckung zur Bedarfsweckung über. Und als das nicht mehr reichte, wurden Produkte immer kurzlebiger gestaltet und eine sinnlose Verpackungsindustrie erfunden. Als auch diese Umerziehung der Verbraucher zu Wegwerfern kein Wachstum mehr garantieren konnte, musste der Staat einspringen, indem er selbst als Investor auftritt und Investitionen über Subventionen und Steuernachlässe mitfinanziert. Dabei spielt es keine Rolle, wie sinnlos die Investitionen oder Subventionen sind. Der frühere Bundesminister Hauff hat zum Beispiel den Rhein-Main-Donau-Kanal als das „dümmste Bauwerk seit dem Turm von Babel“ bezeichnet.

Zins schafft Dauerarbeitslosigkeit

„Für die meisten Betriebe ist Null-Wachstum über längere Zeit ruinös, wenn steigende Zinslasten nicht durch steigende Preise oder durch Rationalisierung umgeschichtet werden können“, schreibt Klaus Popp. Das heißt, steigende Zinslasten zwingen zu Rationalisierung und Wachstum, meist wird jedoch zuerst rationalisiert. Doch weiter: Meist kommt es durch steigende Zinsen auch zu einer höheren Verschuldung, aber nach dem Abfallen der Zinsen nicht zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit. So entsteht Dauerarbeitslosigkeit, die durch eine strukturell bedingte Arbeitslosigkeit ständig aufgestockt wird.

Kapitalvernichtung als „Lösung“

1918 prophezeite Silvio Gesell: „Trotz des heiligen Versprechens der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz des Rufes der Millionen ‚Nie wieder Krieg’, entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muss ich es sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, dass es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir. Der heutige Stand der Technik lässt die Wirtschaft rasch zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen, und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen.“

Es dauerte nur 21 Jahre zum „noch furchtbareren Krieg“. Und auch nach diesem Krieg hat sich nichts geändert: Über den Transformator „Globalisierung“ haben wir die Kriegsschauplätze lediglich in andere Regionen der Welt verlagert. Kapital kann, wenn die Zinsen zu sinken drohen, flüchten, d. h. sich nicht mehr zur Verfügung stellen, und unsere Volkswirtschaften dadurch jederzeit in deflationäre Krisen stürzen.

Da sich darauf direkt kein Einfluss nehmen lässt, muss immer wieder einmal genügend Kapital vernichtet werden, damit es (wegen der künstlichen Angebotsverknappung) nicht zum Absinken der Zinsen kommt. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es für diesen Vorgang der Kapitalvernichtung den Begriff „Reinigungskrise zur Beseitigung von Überinvestitionen“. Gemeint ist der Zustand, bei dem der Investitionsumfang so groß geworden ist, dass es den Zins unter jene Grenze drückt, bei der es zu Geldzurückhaltungen und damit deflationären Rezessionen kommt. Helmut Creutz dazu: Durch ständige Ausweitung marktferner Investitionen wie Raumfahrt und Rüstung lasse sich die Notwendigkeit solcher „Reinigungskrisen“ zwar eine Zeit lang hinausschieben, aber kaum auf Dauer. Dazu seien Kriege nicht nur durch den erhöhten Waffenverbrauch und die angerichteten Schäden unübertreffbar wirkungsvoll, auch der hinterher folgende Staatsbankrott und Wiederaufbau der zerstörten Gebiete verschlinge riesige Summen.

Die Lösungsideen von Silvio Gesell

1889 spitzte sich in Argentinien eine schwere Wirtschaftskrise zu, soziale Unruhen, kriegsähnliche Zustände. Das erlebte dort ein junger, erfolgreicher deutscher Kaufmann, in dessen Wohnung auch Gewehrkugeln protestierender Arbeiter einschlugen. Er begann über die Ursachen von Wirtschaftskrisen und der andauernden „sozialen Krankheit“ nachzudenken. Der junge Mann entwickelte sich allmählich zu einem der kompetentesten Bodenreformer, Geld- und Währungstheoretiker: Silvio Gesell (1862 bis 1930). Gesell forderte Freiheit. Ihm war die freie Marktwirtschaft wichtig, er war ein Liberaler. Doch aus seiner Forderung nach Freiheit für alle Menschen hörte Freiheit bei ihm auf, wenn sie auf Kosten anderer geht. Er war auch Sozialist. „Er war ein Liberal-Sozialist. Damals, aber auch heute noch, etwas sehr Ungewöhnliches. Den Liberalen war er zu sozial, den Sozialisten zu liberal.“ (nach Meier-Solfrian) „Geld, das wie eine Zeitung veraltet, wie Kartoffeln fault, wie Eisen rostet, wie Äther sich verflüchtigt, kann allein sich als Tauschmittel von Kartoffeln, Zeitungen, Eisen und Äther bewähren“, so schrieb er, und: „Wir müssen also das Geld als Ware verschleudern, wenn wir es als Tauschmittel verbessern wollen. Da die Besitzer der Waren es mit dem Tausch stets eilig haben, so will es die Gerechtigkeit, dass auch die Besitzer des Tauschmittels es eilig haben sollen. Das Angebot steht unter unmittelbarem, eigengesetzlichem Zwang, so soll auch die Nachfrage unter gleichen Zwang gestellt werden.“

Geld als öffentliche Einrichtung

Geld ist eine öffentliche Einrichtung – und dabei wohl die genialste, die je erfunden wurde. Öffentliche Einrichtungen darf jeder Bürger unter gleichen Voraussetzungen nutzen, aber auf keinen Fall blockieren, weil er damit andere an deren Nutzung hindern würde. Und – wie der Name schon sagt – können öffentliche Einrichtungen nicht zugleich privates Eigentum sein. Aber laut § 929 BGB erwirbt man an beweglichen Sachen, also auch an Geld, Eigentum. Wer das gesetzliche Zahlungsmittel in die Hand bekommt, ist also nicht nur Nutzer dieser Einrichtung, sondern wird sogar ihr Eigentümer. Und da nach § 903 BGB jeder mit seinem Eigentum „nach Belieben verfahren“ kann, Geld somit nach Belieben vernichten oder zurückhalten kann, spricht unser Rechtssystem konsequenterweise jedem Bürger das Recht zu, den Geldkreislauf zu unterbrechen und damit die Konjunktur zu stören.

Während der Blockierer einer öffentlichen Einrichtung mit Sanktionen rechnen muss, ist das beim Geld umgekehrt. Hier wird das gemeinschaftsschädigende Verhalten nicht mit Strafgebühren belegt, sondern das Beenden dieses Verhaltens mit einer Prämie belohnt. Und deren Höhe kann der Blockierer sogar noch selbst bestimmen!

Umlaufsicherung durch Rückhaltegebühr und die Folgen

Soll Geld fortan wieder als Tauschmittel dienen, so muss es beständig umlaufen. Am elegantesten wäre diese Aufgabe durch eine so genannte Rückhaltegebühr zu lösen: Die Zurückhaltung von Geld wird mengen- und zeitabhängig mit Kosten belastet. Damit wäre das Geld den Waren gleichgestellt, und wäre eine wirklich freie Marktwirtschaft möglich, in der sich auch das Kapital dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterordnet.

So wie die Warenbesitzer es eilig haben zu verkaufen, so hat es nun auch der Geldbesitzer eilig, sein Geld durch Ausgeben oder Ausleihen loszuwerden, um der Rückhaltegebühr zu entgehen. Der Zins würde dabei keineswegs abgeschafft oder manipuliert, sondern nur dem freien Wettbewerb unterworfen in Konkurrenz zu der Rückhaltegebühr.

Eine weitere wesentliche Auswirkung der Rückhaltegebühr wäre die dauerhafte Überwindung der Inflation. Wenn Geld kontinuierlich umläuft, wenn die Umlaufgeschwindigkeit keine unbekannte Größe mehr ist und wenn gleichzeitig die Inflationspotenziale aus Hortungen und spekulativen Kassen wegfallen, können die Notenbanken effizient aktiv werden, wenn sich das Preisniveau verändert.

Wenn die immer während positiven Zinssätze und die Instabilität der Währung erst einmal überwunden sind, fallen auch die zahlreichen Nachwirkungen weg. Durch den Wegfall des Überwachstums der Vermögen und Schulden sowie der dadurch bedingten Umverteilung werden ideale Voraussetzungen für eine Vollbeschäftigung geschaffen und zusammen mit einer intelligenteren Arbeitsverteilung auch möglich. Langfristig werden auch die ständigen Konjunkturschwankungen überwunden, denn die monetären Ursachen von zu viel und zu wenig Liquidität, von Inflation und Deflation könnten von den Zentralbanken wesentlich genauer und mit rascherem Effekt gesteuert werden.

Eine weit wichtigere Auswirkung aber zeigt sich im neuen Zusammenspiel von Ökonomie und Ökologie: Unser Geld wird nachhaltig, Wohlstand im Einklang mit der Natur wird möglich. Mit einer Rückhaltegebühr wird die Zukunft „mehr wert“: Die Einbeziehung der Interessen der Umwelt und Nachwelt in die Entscheidungen deckt sich von nun an mit den finanziellen Interessen.

Realisierung der Rückhaltegebühr bei Giral- und Bargeld

Bei den Girokonten gestaltet sich die Einführung einer Rückhaltegebühr sehr einfach: Hier kann die Notenbank durch die Geschäftsbanken bestandsbezogene Geldhaltekosten abbuchen lassen, zum Beispiel in Höhe von jeweils einem halben oder einem Prozent pro Monat. Das heißt, alle Giralgeldbestände werden praktisch mit einem Negativzins von jährlich 6 bzw. 12% belastet. Mit dieser Belastung würde erreicht, dass die liquiden Bestände auf den Girokonten den ausgabebezogenen Notwendigkeiten angepasst bleiben. Überschüssige Bestände, zum Beispiel von Sparbüchern, würden auf normale Bankguthaben übertragen und könnten damit anderen Wirtschaftsteilnehmern zur Verfügung gestellt werden.

Auch beim Bargeld gäbe es eine Lösung. Registriert die Bundesbank eine unerwünscht hohe Zunahme der Bargeldmenge, ruft sie einzelne Stückelungen zum gebührenpflichtigen (Rückhaltegebühr) Umtausch auf. Dadurch wäre jeder Bargeldhalter motiviert, nicht mehr Bargeld als notwendig vorzuhalten. Besonders wirksam wären diese Gebühren (und damit die drohenden Verluste) bei überproportional großen Bargeldbeständen von Spekulanten. Und die vor allem sind das Ziel einer solchen Reform.

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